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Lefzensabber - Lu Pings Online-Tagebuch


Jahr des Grauens 5002 und 337 Tage

Ich war auf Reisen und bin gerade zur Tür hereingekommen, gespannt, was mich erwartet. Spannung ist eher das falsche Wort, denn ich weiß, was mich erwartet. Nämlich eine völlig leergefressene Speisekammer. Meine Abwesenheit wird gern genutzt, um sich den fetten Wanst vollzuhauen, aber ich werde gleich Skadhi und die Knochin an den Ohren packen und hinauswerfen, um neue Vorräte zu erschießen. Die Knochin wird mich dann wieder drei Tage endlos damit vollabern, daß ich ihre Turmfrisur völlig aus dem Gleichgewicht gebracht habe, und sie, ob der Schwierigkeiten des Frisierens, eine kräftige, durchschlagende Cocktailmischung benötigt. Ich werde so tun, als würde ich mich endlos zieren, aber letztlich gewinnt immer mein butterweiches Herz, das einer darbenden Kreatur einfach nicht widerstehen kann. Schon Fenrir war diese Eigenschaft bekannt.
Ich brauche selbst einen kräftigen Schluck, denn ich bin um die halbe Welt gereist, um meinen Freund Inari zu besuchen. Er hat mir sein Leid geklagt, denn die Sushiportionen für ihn sind in den Schreinen auf nur 10 pro Schrein und Tag gesunken, was eine unglaubliche Frechheit ist. Ich habe ihm den Vorschlag gemacht, daß ich ... nun ja ... also ... mit liebevoller Strenge nachhelfen könnte, aber wir sind dann überein gekommen, daß wir noch ein Jahr warten. Wenn sich bis dahin die Situation nicht dramatisch geändert hat, wird es ... ich greife vor. Ein wenig Spannung muß sein.
Aber hier ist noch etwas anders. In der Ecke steht ein halbes, extrem ungemütlich aussehendes Bett. Sicherlich läßt sich dort die eine oder andere Komponente ausbauen, um unsere technische Sektion aufzumöbeln. Gerade im Cocktailmixbereich sind derartige Neuerungen unumgänglich, zumal der Verbrauch hier sehr ... hoch ist. Weiterhin fiel mein Blick auch gleich auf dieses trällernde Hologramm, das seine gesamten Habseligkeiten um sich herum verteilt zu haben schien. Was der hier schon wieder will? Wenn er schon so unnütz in der Ecke herumsteht und auch für den Verzehr nicht geeignet ist, werde ich ihn wieder als Barsänger einstellen. Das lockt vielleicht diese anderen, sehr lecker aussehenden Bekannten von ihm an ... ich muß sofort das Feuer hochheizen ...


 

Jahr des Grauens 5002 und 58 Tage

Ich mach´s mir heute im Ohrensessel so richtig gemütlich. Hab mir die letzten Tage den Schnee über den Pelz wehen lassen ... obwohl, so ganz stimmt das nicht. Ich bin ja ein Gestaltwandler, und ab und zu gestalte ich mich als ... äh ... Mensch. Ja, ich weiß, das ist wirklich ekelhaft, aber was soll ich machen, wenn ich ungestört in die Stadt möchte? Ich wollte einige Besorgungen machen. Ich hab Freki gefragt, ob er mitkommen möchte. Ich mußte ihn aber als Sarloos Wolfshund ausgeben, sonst wäre eine Massenpanik ausgebrochen. Dem bin ich zwar nicht abgeneigt, weil ich dann so schön blutrauschig werde, aber dann hätte ich nicht diese wundervolle Etagentorte bekommen, in die man ein Mafiamitglied plus fetter Wumme reinpacken kann. Diese diffizilen Überlegungen habe ich im Vorfeld angestellt, weshalb Freki an die Leine mußte. Nicht, weil Freki sonst so unsicher ist, sondern weil ich meine Torte wollte, und wenn Freki ohne Leine läuft, werde ich auch blutrauschig, weil er blutrauschig wird. Kann mir noch jemand folgen?
Ich ging also forschen Schrittes mit Freki an der Leine Richtung Konditor. Auf dem Weg dorthin las ich das Schild TAROTLEGERIN. Ich hab ungefähr fünf Minuten da raufgeglotzt, weil ich erst nicht wußte, was eine Tarotlegerin ist. Ich war noch so bei kulinarischen Köstlichkeiten, daß ich erst einmal an Hühner dachte, die man ja auch als Eierlegerin bezeichnen könnte. Ich fand den Gedanken nur so faszinierend, daß jemand Tarot legen kann. Wie auch immer, ich linste also heimlich rein, was gar nicht so einfach war. Zuerst wurde ich fast ohnmächtig durch die drei Dutzend indischen Räucherstäbchen, die aufdringlich vor sich hinqualmten, dann mußte ich mich durch meterdicken! Plüsch kämpfen, um letztendlich durch einen Perlenvorhang zu schmulen, in dem dauernd meine Haare hängen blieben. Die Dame hatte gerade Kundschaft und schien überhaupt recht verwirrt. Zuerst suchte sie verzweifelt ihr Lieblingstarotdeck, weil sie sonst nicht arbeiten konnte. Das brachte sie so richtig aus der Contenance. Als sie es dann endlich hatte und die Kundin eine irre wichtige Karte zog, hatte diese die Karte TOD, woraufhin die Kundin in tiefe Ohnmacht glitt. Der wahrsagenden Dame war das ungemein peinlich, zumal sie plötzlich feststellte, daß ihr Deck irgendwie nur Todkarten enthielt. Ich hab das für mich als Omen gesehen. Aber vorher wollte ich noch schnell die Torte abholen ...
Nach so viel Arbeit muß ich mich natürlich erstmal ausruhen, und auch Freki ist völlig ermattet. Hatte ich schon erwähnt, daß die Leine in der Stadt verloren ging ... ?


 

Jahr des Grauens 5002 und 3 Tage

Der Jahreswechsel (sofern man in einer zeitlosen Dimension überhaupt über sowas wie Jahre sprechen kann) war sehr ereignisreich gewesen. Ich war ja einige Jahrhunderte in China, und somit habe ich es mir auch zur Tradition gemacht, Feuerwerk in die Atmosphäre zu schießen. Natürlich feinstes chinesisches Feuerwerk, versteht sich ja von selbst. Und ich habe diese Tradition auch deshalb dieses Jahr voller Inbrunst durchgeführt, weil die Knochin das für unnötig und luftverschmutzend hält. Das spornt ungemein an. Ich kam ja dann auf die interessante Idee, an die Raketen einige Schmarotzer zu knüpfen. Da konnte sogar die Knochin nichts mehr gegen meine Raketen sagen. Im Gegenteil, sie hat sehr inbrünstig mitgemacht. Das war auch wirklich super, wie diese Schmarotzer in die Luft schossen. Einige haben ja den Wunsch geäußert, einmal in ihrem kurzen Leben zu fliegen. Ich war gern bereit, diesen Wunsch zu erfüllen. Aber so bin ich, immer bereit, die geheimsten Wünsche aus allen herauszukitzeln ... sogar Wünsche, die sie selbst noch gar nicht kennen. Ich weiß immer genau, was jemand will, und das Lustige ist, es kommt mir meist sehr entgegen.
Als ich alle Raketen, die ich hatte, so ihrem Daseinszweck zugeführt hatte, hab ich ein bißchen mit dem I Ging orakelt. Ich wollte wissen, was mir das (nicht existente) neue Jahr wohl bringen wird. Der Spruch lautete: Es wird ein großer Schmarotzerzug kommen. Du hast ihnen nichts zu sagen, deshalb wären Worte verschwendet. Laß Dein Tun die Oberhand gewinnen, und alles wird gut. Einfach phantastisch. Ich hab daraufhin gleich die Messer geschärft und das Feuer neu geschürt, um auf den Ansturm vorbereitet zu sein.
Die Knochin hatte den Spruch: Die Präsentation nach außen ist schon die halbe Miete. Ein Banner wird des Weges kommen und sich Dir aufdrängen. Das paßte auch, denn just zwei Tage später stand ein nagelneues Banner vor der Knochentür, das sie dann gleich aufgehängt hat, damit die Erfrischungen ihren Weg zu ihr finden. Todschick! Schon allein wegen des Banners lohnt sich ein Weg zur Knochin. Und das schöne ist, es könnte Eure eigene Großmutter sein, die darauf zu erkennen ist. Das macht das ganze so familiär ...


 

Jahr des Grauens 5001 und 362 Tage

Ich bin satt. Kaum zu glauben, aber es ist dennoch möglich. Wir hatten hier das große alljährliche Schmarotzerfest. Dieses Fest hat den Hintergrund, daß irgendwann einmal, als hungrige Wölfe und Knochinnen und Zwergriesinnen etc. pp. über die Erde liefen, ein Schmarotzer geboren wurde (oder wie auch immer der hierher kam, ist ziemlich mystisch das ganze), um als Mahl gereicht zu werden. Also natürlich nicht gleich dieser Schmarotzer. Der mußte sich natürlich erst einmal fortpflanzen, was er ziemlich gut konnte, denn bald darauf tummelten sich auf diesem einst stillen Erdenrund Millionen von diesen Biestern. Uns fiel somit die Aufgabe zu, diese reichlich zu dezimieren, um das natürliche Gleichgewicht zu erhalten. Und es stillte unseren Hunger. Ist also ein guter Deal gewesen.
Ich hatte aus diesem freudigen Anlaß für die Knochin ein Tagebuch besorgt, gebunden in feinste chinesische Seide. Wie immer hat sie jedoch meine Sachen durchkramt, weil sie immer so aufgeregt ist, es gefunden und ist sofort zur Tat geschritten, wie man hier lesen kann. Lenkt sie ein wenig von den Vorräten ab. Ich mußte ihr ja neulich gerade wieder auf ihre knochigen Fingerchen hauen, als ich sie dabei erwischte, wie sie anfing, an dem brutzelnden Schmarotzer herumzuknabbern, der, gefüllt mit Äpfeln in einer leckeren Lebkuchensoße, umgeben von den herrlichsten Schmarotzerklößen, im Bräter lag und seiner Bestimmung harrte. Nämlich der, aufgegessen zu werden. Aber erst, wenn ICH es sage! Ich bin die Köchin! Jedenfalls hat sie sich daraufhin ein Refugium außerhalb der Ranch erschaffen, eine Art Knochenzeltlager, wohin sie immer flüchten kann, wenn sie Blödsinn angestellt hat. Sie bangt dann immer sehr um ihre Turmfrisur, weshalb sie diesen Ort braucht, um außerhalb meiner Reichweite zu sein. Wir brauchen eben alle unsere Rückzugsräume, wobei Skadhi da derzeit Pech hat, nachdem die Knochin und ich ihren Grund und Boden ... legal ... erworben haben, um dort eine Erlebnisbar zu errichten. Das Bauamt war sehr flott und hat ihre lumpige Behausung abreißen lassen. Na ja, daraufhin ist sie dann erstmal auf Reisen gegangen. Ich hoffe, sie bringt schöne fette Vorräte mit ...


 

Jahr des Grauens 5001 und 286 Tage

Ihr denkt, ich habe lange nichts geschrieben? Ihr irrt. Was kann ich dafür, wenn Ihr in der Zeit immer nur geradeaus geht, anstatt hier und dahin zu springen, wie es sich gehört. Ich habe nämlich viel erzählt, aber wenn Ihr zu doof seid, die Zeit in ihren wahren Zusammenhängen zu erkennen und zu nutzen, kann ich auch nichts dafür. Ich habe gesprochen.
Ich gehe heute ins Moor, um das Orakel zu befragen. Ich hab schon ordentlich Futter zur Bestechung eingepackt. Damit läßt es sich nämlich immer ordentlich umstimmen und orakelt nur gute Dinge. Ich meine, wegen irgendwelcher schlechter Nachrichten brauch ich den Weg ja nun wirklich nicht zu machen. Da wäre die Zeit im Ohrensessel mit einem guten Caipi XXL, fürsorglich gemixt von der Knochin, eine weitaus lohnenswertere Beschäftigung.
Jedenfalls hat Skadhi mir aufgetragen, das Orakel bei der Gelegenheit gleich zu fragen, wo der große Zwergenzug stattfindet und sie ihre Rast einlegen. Es wird Winter, und nun ist die Zeit, in der die Zwerge in wärmere Gefilde ziehen. Also Vorrat ist im Überfluß vorhanden, er muß nur ordentlich ... genutzt werden. Und wenn wir gerade so schön dabei sind, fällt sicher auch der eine oder andere Schmarotzer dabei ab. Die Knochin dekoriert schon die Vorratskammer um. Schmarotzer oben links hübsch in einer Reihe, kleine niedliche Tiere geradezu, wenn man reinkommt, Zwergenfüße vom letzten Jahr auf der rechten Seite. Also ich muß schon sagen, die Knochin hat ein außergewöhnliches Talent zur Dekoration. Sie hat sich mal wieder selbst übertroffen. Um das ganze aufzupeppen, hat sie nämlich noch kleine Schmuckknöchelchen mit schwarzen Schleifen und dem aufregenden Aufdruck R.I.P. verteilt. Ganz schick. Ihr könnt ja mal in der Vorratskammer vorbeischauen ...
Aber nun muß ich wirklich los, ich will zum Nachmittagscocktail wieder zuhause sein.


 

Jahr des Grauens 5001 und 204 Tage

Ich habe heute den geheimen Raum der Weisheiten geschlossen, weil mir das zu bunt wurde. Immer wenn ich in Großmutters Ohrensessel döste, störte mich dieser gelbe, grelle Lichtschein, der durch die Tür drang. Ich brauch es eher schummerig. Ich schloß also die Tür ab, und irgendwie waberte im selben Moment so eine Art Zeitspalte durch die Landschaft. Ich kann das nicht genauer erklären, hier passieren immer so komische Dinge. Ich verweise auf meinen vorhergehenden Tagebucheintrag. Wo war ich? Ach ja, ich schloß den Raum ab, die Zeitspalte witschte noch irgendwie durch den Türspalt, dann hörte ich es rumsen, und als ich mich entschloß, nach geraumer Zeit (zwei, drei Sekunden später) reinzugucken, war da ... NICHTS. Dieser Raum entsprach gähnender Leere. Ich werde dort also demnächst ungebetene Gäste, die nicht zum Verzehr taugen, hineinsperren. Mal sehen, was passiert. Jedenfalls bin ich sie dann los. Ich werde die Knochin bitten, Protokolle dieses vielversprechenden Experimentes zu führen ...
Als ich nachdenklich und noch völlig in Gedanken versunken zurückkehrte, um meinen wohlverdienten Schlaf nachzuholen, traf ich auf eine merkwürdige Person, die die Schwertschwester dauernd als Lu Ping ansprach. Ich blieb verwirrt auf der Türschwelle stehen und verfolgte das Schauspiel. Ich hatte ja erst den Verdacht, die Schwertschwester hat sich mit Bedacht irgendwo für mich ausgegeben, um so leichter an Nahrung heranzukommen. Denn es ist so, sobald ich in einem Dorf oder in einer Stadt auftauche, drängen mir die Bewohner förmlich Nahrungsmittel auf und bitten mich, sie zu verschonen. Ich sag da natürlich nicht nein zu den Nahrungsmitteln, nicht wahr? Und die Bewohner verschon ich auch nicht. Die Schwertschwester allerdings schien keinerlei Schindluder mit meinem wohlklingenden Namen getrieben zu haben, denn sie schaute höchst verwirrt drein, und ich erwischte sie immer wieder dabei, wie sie heimlich in den großen Knochenspiegel guckte, um zu kontrollieren, ob ihr schon Wolfsohren und ein schöner, dichter, umwerfend glänzender grauer Pelz gewachsen waren.
Aber gute Freunde, die wir sind, standen wir ihr natürlich bei. Die Knochin sabberte meine frisch gewaschenen Taschentücher voll, um ihr Mitgefühl zu bekunden. Skadhi schnarchte rückenstärkend auf dem Sofa, um ihre Meinung zum Thema verlauten zu lassen. Und ich entsann nebenbei neue Rezepte, weil ich weiß, daß langes Stehen und gleichzeitige Verwirrung unglaublich hungrig machen. Aber irgendwo ab diesem Punkt muß ich dann eingeschlafen sein, weil mich das Thema so fesselte. Als ich wieder aufwachte, waren alle anderen, abgesehen von Skadhi, die immer im Tiefschlaf liegt, ebenfalls ins Reich der Träume übergegangen. Die Schwertschwester lag inzwischen vor dem Spiegel. Die Person war verschwunden. Vielleicht ist ja die Zeitspalte zurückgekommen, aber ich kann mich darum jetzt nicht wirklich kümmern, denn ich wollte neuen Spezialmet ansetzen.


 

Jahr des Grauens 5001 und 195 Tage

Sind schon wieder 30 Tage seit meinem letzten Eintrag vergangen? Faszinierend. Es fällt mir noch immer schwer, in Zeit zu rechnen, da es hier auf der Ranch solchen Schweinkram nicht gibt. Ich mach das nur für die geneigten Leser, damit die einen wagen Orientierungspunkt haben. Hier auf der Ranch läuft ja alles gleichzeitig ab. Das ist total praktisch. Wenn z.B. doch mal der eine oder andere Schmarotzer entkommen sollte, was so gut wie nie vorkommt, dann geht die Knochin einfach ein paar Minuten zurück, also sie wechselt einfach ihren Aufenthaltspunkt, und ... äh ... na ja, ich erspare mal die Einzelheiten. Jedenfalls führt das zu dem Resultat, daß wir keine unangenehmen, sprich entlaufenen Verluste zu verzeichnen haben.
Das Gelbe vom Ei ist das allerdings auch nicht. Das ganze führt manchmal zu einem regelrechten Paradoxon, und die Fäden sind meisten nur schwer oder, was häufiger vorkommt, überhaupt nicht mehr zu entwirren. Es verselbständigt sich regelrecht, was zu verwirrenden Ereignissen führt. Neulich beispielsweise hatte die Knochin Geburtstag. Meinte sie zumindest. Ich glaube nicht, daß sie sich ganz sicher war, aber das sei mal dahingestellt. Jedenfalls hab ich noch ein paar alte Bekannte eingeladen, die nicht so nachtragend wie Fenrir sind, und Freki (einer meiner Bekannten) brachte der Knochin zehn Wildschweine mit. Dummerweise hatte er sich dann aber in der Zeit geirrt und kam mehrmals an, jedesmal mit jeweils zehn Wildschweinen beladen, so daß die Vorratskammer schon aus allen Nähten platzte. Und lauter Frekis saßen herum. Ich habe ja den Verdacht, das hat er mit Absicht gemacht, um besonders viel Torte abzukriegen. Na ja, wir haben alle unsere Eigenheiten. Aber es war unglaublich schwierig, Freki loszuwerden. Ich hoffe, er hat es inzwischen geschafft, in einem Stück wieder anzukommen ...
Wir finden das natürlich toll, daß wir jetzt eine so reich gefüllte Vorratskammer haben. Skadhi hat sich besonders gefreut, weil sie durch diese Tatsache drum herumkommt, sich selbst auf den Weg zu machen. Sie meinte, sie lebt momentan eine unglaublich innige Beziehung mit dem Sofa, und schon jede Trennung, die länger als eine halbe Minute dauert, stürzt sie in ungeahnte Depressionen. Wir wollen natürlich alle nicht, daß Skadhi in Melancholie schwelgt, denn das hat wieder negative Auswirkungen auf den Metvorrat. Und wenn der alle ist, dann wird die Schwertschwester wütend. Eine wütende Schwertschwester aber bringt die sensiblen Schmarotzer völlig aus der Contenance. Sie bilden dann viele Streßhormone (aus gutem Grund, sie sind dann hochgradig gefährdet, ein vorzeitiges Ende zu nehmen) und damit bin ich wiederum überhaupt nicht einverstanden. Schon der Gedanke daran läßt mich depressiv werden. Ich werd mir jetzt erstmal eine Spezialinnendesinfektion mixen, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen ...


 

Jahr des Grauens 5001 und 165 Tage

Ich sitze hier in einem wahren Tohuwabohu ... nicht, daß es hier je ordentlich wäre, bis auf den Unfall vor vier Tagen, für den die Schwertschwester verantwortlich war. Sie machte gerade eine Phase außerordentlicher Respektlosigkeit durch, weswegen sie beschlossen hatte, die Ranch zu putzen, was hier allgemeine Verwirrung und Angstzustände hervorrief. Außerdem ist es mir bis heute ein Rätsel, wie sie es überhaupt geschafft hat, hier Ordnung hineinzubringen. Selbst Armeen von putzwütigen Großmüttern haben dies nie je vermocht. Aber ich ergehe mich gerade in Kleinigkeiten. Zurück zu meinem eigentlichen Thema: Ich sitze hier in einem wahren Tohuwabohu, denn ich verreise demnächst zusammen mit der Knochin für einige Tage. Nein, das bedeutet nicht, daß hier irgendjemand auf die Ranch eindringen kann. Die schattenhaften Diener sind zur Bewachung abgestellt worden.
Die Schwertschwester war so freundlich, uns auf ihren Landsitz einzuladen. Der liegt irgendwo in unwegsamem Berggelände, umgeben von aufdringlichen Bäumen, die die schmalen Wege säumen, und allerlei leckeres Getier kreucht dort herum, was für mich letzten Endes ausschlaggebend war. So sind wir hier also damit beschäftigt, unsere dringendstens Habseligkeiten zusammenzupacken, wobei uns dabei aufgefallen ist, daß wir so gut wie alles brauchen. Das wird eine elende Schlepperei. Glücklicherweise habe ich noch Großmutters ... Schrankkoffer. Als wir diese hervorholten, was glaubt Ihr, wen wir in einem der Schrankkoffer fanden? Richtig, Großmutter. Schön mürbe abgehangen. Was hab ich sie damals gesucht, als sie so plötzlich verschwand. Ich hatte schon befürchtet, sie hätte sich irgendwo abgesetzt. Großmüttern sollte man ja nie trauen. Aber nun haben wir dieses Rätsel, welches so lange ein Bestandteil dieser Ranch war, endlich gelöst, und wir sind alle glücklich und zufrieden ... Entschuldigung, ich muß mich kurz vor Ergriffenheit in Großmutters Taschentuch schnäuzen ... so, jetzt geht es wieder.
Nun, jedenfalls steht hier nun alles voll mit Hausrat, den letzten Vorräten, die wir in der Vorratskammer entdecken konnten (Vermerk: Skadhi ist bisher noch nicht ihrer Aufgabe der Vorratsbeschaffung nachgekommen!), den schönsten Knochen, von denen ich mich nicht einmal während eines Kurzurlaubs trennen mag, und nicht zu vergessen das goldene Eßbesteck, welches zu den wichtigsten Utensilien der Knochin gehört.
Da ich es gerade in der Küche scheppern und poltern höre, werde ich nun meine unsinnigen Aufzeichnungen beenden, um einmal wieder nach dem Rechten zu sehen. Ich muß die Dienerschaft mal wieder ein bißchen antreiben. Es ist so schwer heutzutage, gutes Personal zu finden. Die schattenhaften Diener sind immer nur so schemenhaft zu erkennen. Aber nun wirklich zurück zu meiner schweren Aufgabe des Delegierens, von der ich mich vorhin erschöpft für ein halbes Stündchen zurückziehen mußte ...


 

Jahr des Grauens 5001 und 161 Tage

Ach, die Zeit vergeht so schnell. Mir ist gerade aufgefallen, daß die Vorratskammer so erschreckend leer ist. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, daß einige der Vorräte geflüchtet sind. Ich habe mehrere Schlösser angebracht. Nun, wie dem auch sei, ich bin also zu Skadhi gegangen, weil sie die Hauptverantwortung in der Beschaffung von Eßbarem trägt. Sie ging gerade wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: dem Schlafen. Das störte mich aber nicht weiter, ich hab trotzdem mit ihr geredet. Das Gespräch war allerdings sehr einseitig. Aber gerade als mir die Frage durch den Kopf ging, wann sie denn wieder Vorräte beschafft, antwortete sie, daß sie sich gleich nach ihrem Schönheitsschlaf auf den Weg machen würde. Ich muß sie in ihrem Traum das gleiche gefragt haben. Faszinierend, nicht wahr?
Die Schwertschwester ist auch wieder aufgewacht. Hat etwas gedauert. Aber immerhin weiß ich nun, daß die Dosis in meinem Spezialmet nicht tödlich war. Das habe ich natürlich sofort in meinem Rezeptbuch notiert, um dieses vorzügliche Gesöff nun regelmäßig anbieten zu können.
Verdammt, ich werde gerade wieder von der Knochin gestört. Sie hat mit Entsetzen festgestellt, daß die Ranch so sauber aussieht. Ich muß sie erst einmal in einem Sessel verstauen und Luft zufächeln. Wir haben heute also viel zu tun. Ich muß die Kisten mit den Staubflocken suchen, damit wir diese wieder dekorativ verteilen können. Ich hasse es, wenn man vom Fußboden essen kann. Das muß doch wirklich nicht sein. Dafür gibt es Tische und Teller! Also macht´s gut. Und denkt daran: Jeden Tag ein Schlückchen in Ehren genießen.


 

Jahr des Grauens 5001 und 133 Tage

Meine Güte, das war vielleicht ein aufregendes Fest gewesen. Ich bin erst heute wieder aufgewacht und habe mit Erstaunen festgestellt, daß sage und schreibe fast zwei Wochen vergangen sind. Ich glaube, ich habe die Dosis im Datura-Met etwas übertrieben, obwohl ich daran eigentlich völlig unschuldig bin. Gerade als ich das Faß mit dem Pflanzenpulver öffnete, polterte die Knochin herein und zeigte mir ihren neuen Knochenrock zur Feier des Tages. Sie schwang herum wie ein wildgewordener Kreisel, rempelte mich an, ich stieß gegen die Halterung des Wandbrettes, die sich im Laufe der Jahrhunderte in erschreckendem Maße gelockert hatte, woraufhin diese abfiel. Dadurch kippte das Brett in einem Winkel von ungefähr 45 ° nach links, wodurch das Faß, welches natürlich auch ein ziemliches Gewicht aufwies, in einem unnachahmlichen Tempo ins Rutschen geriet, genau über dem Mettopf einen Salto vollführte und seinen gesamten Inhalt in den Tiefen dieses Lebenselixieres versenkte. Die Knochin und ich waren beide zu fasziniert von dieser außergewöhnlichen Kettenreaktion, um in irgendeiner Art zu reagieren. Da Skadhi gerade hereinkam, beschlossen wir, unschuldige Mienen aufzusetzen, ein flottes Liedchen zu pfeifen und so zu tun, als hätten wir alles unter Kontrolle. Hatten wir natürlich nicht wirklich, wie ich hier offen zugebe, aber immerhin leben noch alle. Glaub ich zumindest.
Wie dem auch sei, ich fühle mich ausgeruht und ausgesprochen hungrig, da ich kurz vor dem Aufwachen von blökenden Lämmchen, wirr sabbelnden Druiden und dergleichen Leckereien geträumt habe. Ich habe daraufhin mit Genugtuung festgestellt, daß die Schwertschwester Filet von ihrer langen Reise mitgebracht hat. Ihre Ankunft ist mir leider entgangen, da wir alle schon reichlich dem ... neukreierten Met zugesprochen hatten. Da sie ebenfalls im Tiefschlag liegt, gehe ich davon aus, daß auch sie nicht umhin konnte, von dieser Köstlichkeit zu probieren. Sie liegt neben dem Mettopf, das Filet aussagekräftig um sich herumgewickelt.
Ich werde mich gleich daranmachen, etwas Leckeres zu kochen. Feste sind immer so kräftezehrend, weshalb es wichtig ist, diese stetig und ohne Unterbrechung aufzufüllen. Somit mache ich wieder einmal Schluß für heute mit meinen unsinnigen Aufzeichnungen. Gehabt Euch wohl und achtet immer darauf, daß die Wandregale fest sitzen.


 

Jahr des Grauens 5001 und 121 Tage

Heute ist ein ganz besonderer Tag. Und zwar der Tag des Heiligen Knochens. Meine gesamten Knochen müssen heute poliert und auf Hochglanz gebracht werden, um sie zu ehren. Ich habe extra neue Putztücher dafür gekauft und die Knochin und Skadhi in diesen überaus heiligen Akt eingeweiht. Die Knochin fragte, ob sie, wenn sie noch etwas Fleisch an einem der Museumsstücke findet, es abnagen kann. Ich habe huldvoll zugestimmt. Das hat ihren Einsatz gleich verdoppelt. Sie arbeitet sich nun sehr gewissenhaft durch alle Stapel.
Aber die besonders heilige Zeit bricht an, wenn die Sonne hinter´m Horizont verschwunden ist und Meuchelmörder, Gesocks und anderer Abschaum aus ihren Löchern gekrochen kommen. Dann beginnt nämlich das Knochenwerfen. Ich glaube, das kommt daher, daß die innewohnende Seele oder so Richtung Himmel geschleudert werden sollte, weil sich dort die Heiligen Hallen befinden, in denen es jeden Tag Freimet gibt. Wer möchte da nicht hin?
Nun, jedenfalls ist dieses Knochenwerfen ein richtiger Wettkampf. Es kommt darauf an, die Knochen so hoch wie möglich zu schleudern, was ungemein viel Konzentration erfordert und nur nach einigen Gaben alkoholischer Innendesinfektion optimale Ergebnisse bringt. Letztes Jahr hat Skadhi es geschafft, einen Oberschenkelknochen in ein Flugzeugtriebwerk zu schmeißen, was allgemeinen Applaus hervorrief. Alle waren sich einig, daß sie die Gewinnerin ist. Das anschließende Feuerwerk rief Ahs und Ohs bei den anwesenden Gästen hervor und wir haben bis tief in den nächsten Tag hinein gefeiert.
Ihr seht also, daß ich heute nicht viel schreiben kann. Ich muß noch das Festmahl zubereiten. Die Zwergentorsos halten sich nicht ewig.


 

Jahr des Grauens 5001 und 119 Tage

Jetzt sitze ich endlich in meinem Arbeitszimmer, um in Ruhe meinen Gedanken nachzugehen. Es ist ja soviel passiert, daß ich gar nicht weiß, ob ich die Ereignisse alle in Worte fassen kann.
Gestern kam einer meiner schattenhaften Diener aus der Moorschenke auf die Ranch spaziert und wisperte etwas von Eindringlingen. Die Schwertschwester, die bis dahin friedlich hinter einem meiner museumswürdigen Knochenhaufen geschlummert hatte, fuhr wie von der Bones-Tarantel gestochen aus ihren süßen Träumen hoch (ich gehe mal davon aus, daß sie süß waren, denn sie murmelte dauernd etwas von zerhacken und so), griff ihr Schwert und stürmte mit lautem Gebrüll zum Tor hinaus, wobei sie wüste Beschimpfungen vom Stapel lies, die ich meinen geneigten Lesern jedoch nicht zumuten möchte. Nur soviel: es war sehr blutrünstig *chchch*. Jedenfalls rief ich ihr noch hinterher, sie solle 30 kg Filet mitbringen. Aber ich schätze, vor nächster Woche wird sie hier nicht wieder auftauchen.
Als ich es mir gerade wieder in Großmutters gemütlichem Ohrensessel bequem gemacht hatte, wurde die Tür mit einem schweren Fußtritt aufgestoßen. Zum Glück besteht diese aus guter, solider Eiche, sonst hätte sie diese Attacke nicht überlebt. Skadhi stand im Raum mit mehreren Fässern Met unter den Armen, auf dem Kopf etc. Hinter ihr laut schreiende Zwerge, die versuchten, mit Zahnstochern auf sie einzustechen. Anders kann ich diese lächerlichen Schwerter nicht nennen. Es war alles in allem eine sehr interessante und vergnügliche Darbietung, die sie uns bot. Eine Stunde Heiterkeit, bei der auch einiges Porzellan in der Küche zu Bruch ging, aber das sind Lappalien. Unterhaltung geht vor. Selbst die Knochin ließ davon ab, die Schmarotzer zu erwürgen, und das will viel heißen. Nach dieser überaus geglückten Vorstellung konnte ich sogleich den schattenhaften Diener dazu abstellen, die Zwergentorsos aus der Küche zu entfernen und in der Vorratskammer zu verstauen. Es war wirklich ein rundum geglückter Tag, den ich mir sogleich dick und rot in meinem Kalender angestrichen habe.
Ich mache für heute Schluß, denn ich muß noch einige alkoholische Vorräte besorgen. Mit einem Gang hab ich das nicht geschafft.


 

Jahr des Grauens 5001 und 116 Tage

Heute bin ich durch lautes Geschnarche aufgewacht. Wir haben gestern noch ordentlich gefeiert und haben alle richtig zugelangt. Gut, ich gebe es zu, wir langen immer zu, aber gestern war es besonders viel. Fast mein gesamter Vorrat an alkoholischer Innendesinfektion ist aufgebraucht, weshalb ich heute in mein Geheimlager gehen muß, um neue Fässer zu besorgen. Und Skadhi hat sich bereit erklärt, den Zwergen ihren Vorrat zu klauen.
Jedenfalls fiel Skadhi irgendwann im Laufe des Morgens einfach kopfüber vom Sofa, während ihre Beine über der Lehne hingen, und fing an zu schnarchen. Sie nutzte dabei geschickt den Fußboden als Resonanzkörper, weshalb auf der gesamten Ranch die Fenster klirrten.
Ich beschloß daraufhin, die Knochin zu suchen. Zu vorgerückter Stunde konnte ich alles nur noch verschwommen erkennen, weshalb ich sie aus den Augen verlor. Ich wußte nur noch, daß ich sie irgendwo in der Nähe der Fässer das letzte mal gesichtet hatte. Ich fand sie dann auch ungefähr in dem Bereich, den ich veranschlagt hatte. Links und rechts unter ihrem Arm klemmte jeweils ein Schmarotzer, die sie liebevoll würgte und denen sie leckere Gemeinheiten in die Ohren flüsterte.
Das erinnerte mich an Frühstück, weshalb ich nun mitten in der Nacht (es ist immerhin erst 12 Uhr Mittags) am Küchentisch vor meinen Sushi sitze und schreibe. Ich wollte mein Arbeitszimmer nicht vollkleckern, weshalb ich heute ausnahmsweise wieder den Küchentisch für meine unsinnigen Aufzeichnungen nutze. Ich hab mir auch extra ein kleines Eckchen freigemacht, umlauert von Essensresten, alkoholischen Innendesinfektionsflecken und unidentifizierbaren Ansammlungen.


 

Jahr des Grauens 5001 und 115 Tage

Ich bin gerade mächtig am renovieren. Es sind gerade zwei Räume auf meiner Ranch frei geworden, und da dachte ich mir, ich richte mir ein Arbeitszimmer her, um dort meine unsinnigen Aufzeichnungen niederzuschreiben.
Sonst habe ich das immer auf dem Küchentisch erledigt, aber der ist meist so beschmaddert, daß ich danach Schwierigkeiten hatte, meine eigene Schrift zu entziffern ... zumal ich mich auch nicht mehr erinnern konnte, ob ich Hochdeutsch, Chinesisch oder Altisländisch geschrieben hatte. Das war immer so schwer zu erkennen. Nun werde ich keine Probleme mehr damit haben. *seufz*
Die Knochin meinte ja neulich, ich habe eine schöne Schrift. Das liegt aber wohl eher daran, daß ihre kryptischen Kürzel so gar nicht als Schrift durchgehen. Sie schreibt am liebsten mit meiner Stimmweichkreide, und da diese leckeren Wildgeschmack aufweist, futtert sie sie auf, bevor sie überhaupt einen Satz beendet hat. Das ist ziemlich problematisch, weil sie dann meine gesamten Großmuttertaschentücher vollheult, die dann naß auf dem Fußboden herumliegen. Sie ist nur so geknickt, weil sie einerseits ihre neuesten Erkenntnisse nicht zu Papier bringen kann, und andererseits, weil sie nach dem Genuß meiner Kreide unter starkem Hunger leidet ... obwohl das bei ihr nichts ungewöhnliches ist. Sie hat immer Hunger.

Oh, ich muß Schluß machen, denn ich sehe gerade, daß sich Skadhi über meine Metvorräte hermacht. Und die Schwertschwester hat was Eßbares unter ihrem Arm klemmen. Ich verspüre gerade den unwiderstehlichen Drang, etwas mit meinen Zähnen zu zerreißen ...


 

 
 
 

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